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Zurzeit ist die EU-Kommission im Bereich der Kreislaufwirtschaft ganz auf Plastik und dessen Vermeidung fokussiert. Das Thema ist wichtig, doch gibt es weitere sehr relevante Themen, die dringend auf den Plan der EU-KommissarInnen sollten. So betont es auch Sonja van Ressen in einem nach dem 22nd forum on eco-innovation erschienen Artikel.

Die Umweltauswirkungen der Textilproduktion sind weitreichend – und betreffen die Bereiche CO2-Emissionen, Ressourcen, Wasser, Land, Chemikalien und Mikroplastik. Die europäische Textilindustrie verschlingt jährlich 1,3 Tonnen Rohstoffe – per Kopf! Nach Wohnen, Mobilität und Nahrung ist sie die viertgrößte Verschmutzerin. Das belegen Untersuchungen der European Environment Agency, die beim 22nd forum on eco-innovation im Mai in Wien präsentiert wurden. Die Ergebnisse der Studie sollen im Spätherbst veröffentlicht werden. Hinzuzufügen sind die Auswirkungen auf menschenrechtlicher Ebene – wie etwa Niedrigstlöhne und gesundheitsschädigende und gefährliche Arbeitsbedingungen.

Sonja van Ressen bezieht sich in ihrem Artikel auf ENDS Europe, „Textiles set to be next EU circular economy priority“, auf ein Arbeitsdokument, das im März von der Europäischen Kommission veröffentlicht wurde. Darin wird die Modeindustrie für 8% der Treibhausgasemissionen verantwortlich gemacht (während Flugverkehr bei 2% liegt). Die Kommission habe darin Textilien als Priorität für die Kreislaufwirtschaft genannt.

Während heute am Ende der Nutzungsdauer nur etwa 1% der Textilien weltweit recycelt werden, würden etwa 3/4 auf Deponien landen oder würden verbrannt. Die Kommission wolle künftig Ökodesign, Kennzeichnung, öffentliche Beschaffung und Anreize erforschen, die Textilproduktion nachhaltiger machen sollen. Noch existieren keine Kriterien für nachhaltig produzierte Kleidung in der EU-Gesetzgebung. Das müsse sich ändern.

Nachhaltige Businessmodelle kommen auf

Zu diesem Themenkomplex wollen wir weitere Beobachtungen hinzufügen. RepaNet berichtet immer wieder über aktuelle Entwicklungen im Textilbereich. Die Industrie arbeitet bereits intensiv an nachhaltigen Modellen, hier gibt es einige positive Beispiele. Im Switching Gear Projekt von Circle Economy etwa werden sechs Unternehmen bei der Einführung von kreislaufwirtschaftlichen Businessmodellen (Verleih und Wiederverkauf) unterstützt. Und viele große Firmen wie etwa H&M haben erste Pilotprojekte. Es bleibt zu wünschen, dass diese Projekte irgendwann das Hauptgeschäft ablösen und nicht nur Modeströmungen oder Greenwashing-Versuche sind.

Von führenden Textilverbänden wurde außerdem jüngst das Manifest „Textile industry embraces EU circular economy“ veröffentlicht. Darin wird die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit mit der EU hinsichtlich Kreislaufwirtschaft in der Modeindustrie betont. Gesprochen wird von großen Veränderungen, die man gemeinsam erreichen will – doch wie diese genau aussehen können, wird nicht beschrieben. Solange die Textilindustrie nicht Langlebigkeit, Re-Use und Reparatur als Mainstream-Geschäftsmodell entwickelt, wird dieser große Wandel ausbleiben. Der alleinige Aufbau von Faserrecycling bringt uns auch nur wenig weiter – wir brauchen moderne, nachwachsende und extrem langlebige Materialien, die am Ende des Produktlebens problemlos sortenrein recycelbar oder kompostierbar sind – und zwar ohne Mikroplastik-Reste. Zudem müssen innovative kreislauftaugliche Geschäftsmodelle wie Re-Use, Verleih, Tausch und Kleider-Abo breitenwirksam etabliert werden.

Konsumverhalten ändert sich

Eine weitere Beobachtung liegt auf KonsumentInnen-Seite. Kleidertauschparties erleben einen Aufschwung, Vintage ist hip statt verpönt – es vollziehen sich Änderungen. Laut CNBC ist der US-amerikanische Markt von Second-Hand-Kleidung 2018 24 Milliarden US-Dollar wert – der Fast-Fashion-Markt liegt mit 35 Milliarden noch vorne. Doch große Modefirmen merken bereits erhebliche Gewinnverluste. Doch das Verhältnis soll sich innerhalb des nächsten Jahrzehnts umkehren – 2028 soll der Second-Hand-Markt die Fast Fashion überholen und bei 64 Milliarden US-Dollar – im Vergleich zu 44 Milliarden US-Dollar in der Fast Fahion- liegen. Diese deutliche Nachfrage in den USA ist ein weiterer Grund, langlebigere Kleidung zu produzieren. Wir hoffen, dass dieser Trend auch nach Europa kommt und dass sozialwirtschaftliche Betriebe davon profitieren – denn sie sind die Re-Use-Profis.

Bringen wir die Perspektiven von Politik, Industrie und VerbraucherInnen zusammen: Es braucht von EU-Seite definitiv einen stärkeren Fokus auf die Textilindustrie. Eine vertiefte Beschäftigung und strengere Gesetzgebungen, die Fast Fashion verhindern und Kreislaufwirtschaft fördern, sind erforderlich. Die ab 2025 verpflichtende separate Textilsammlung ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Wir benötigen zudem qualitativ hochwertigere Ausgangsware, denn diese ermöglicht auch höhere Re-Use-Raten und mehr Verkauf von Kleidung im Inland, dadurch verstärkte regionale Wertschöpfung und mehr Arbeitsplätze in sozialwirtschaftlichen Betrieben. Gesetzgebung, ProduzentInnen und KonsumentInnen müssen an einem Strang ziehen, damit wir den Umstieg zu einer Kreislaufwirtschaft in der Textilbranche bewerkstelligen. Letztlich nützen wir damit unserem Klima – und somit uns allen.

Mehr Infos …

Link zum kostenpflichtigen Artikel „Textiles set to be next EU circular economy priority“

Switching Gear Projekt

Manifest „Textile industry embraces EU circular economy“

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