© BauKarussell

Wie kann man aus einer Abrissbaustelle einen Re-Use-Markt und eine Rohstoffquelle machen? Und wie kann man an einem solchen Ort Arbeit für Menschen schaffen, die auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind? Markus Meissner erklärt den BauKarussell-Ansatz.

Urban Mining

… wörtlich „städtischer Rohstoffabbau“ – ist das Prinzip, nach dem die Rohstoffe, die in den Gebäuden, der Infrastruktur und allen möglichen Gegenständen in dicht besiedelten Gebieten, wie Städten, verbaut sind, nicht als für immer „verbraucht“ angesehen werden, sondern als in verbauter Form gelagert. Wenn Bauten erneuert, umgebaut, abgerissen oder Elektrogeräte demontiert werden, sind diese Rohstoffe nicht länger gebunden. Mit den richtigen Techniken werden sie frei für eine erneute Verwendung. Urban Mining ist ein vielversprechendes Konzept in der Kreislaufwirtschaft. (Lektüreempfehlung: Urban Mining Blog)

Social Urban Mining in der Baubranche

In der Vortragsreihe „Ressourcenmanagement und Abfallwirtschaft – Urban Mining im Fokus der Circular Economy“ am Institut für Wassergüte und Ressourcenmanagement an der TU Wien präsentierte Markus Meissner vor Lehrenden, Studierenden und den eingeladenen Bau-Stakeholdern am 14. Jänner den Social Urban Mining Ansatz von BauKarussell: Beim Rückbau von Bauwerken, die abgerissen oder umgebaut werden sollen, werden Ressourcen frei, die in einem anderen Gebäude wieder eingesetzt werden können. Sozial ist der Ansatz deswegen, weil die operativen Arbeiten von sozialökonomischen Betrieben durchgeführt werden, die dafür am Arbeitsmarkt benachteiligte Personen beschäftigen und ausbilden. Diese Personen arbeiten vor allem in der arbeitsintensiven schonenden, manuellen Demontage, die für kommerzielle Unternehmen weniger attraktiv, für die Umwelt aber sinnvoll ist.

Die Folien zu Markus Meissners Vortrag „Kreislaufwirtschaft im Rückbau – Konzeption, Challenges und Chancen des BauKarussell-Ansatzes“ können Sie hier downloaden.

Dynamische Rollenfindung: Operative Rückbauten und Beratungsleistung

BauKarussell führt einerseits selbst Rückbauten durch und entnimmt im Auftrag des Bauherrn bzw. des Bauträgers Materialien, wiederverwendbare Bauteile und Gegenstände. Gleichzeitig sind die fünf BauKarussell-Partner dabei, mit Unterstützung durch die Stadt Wien und das Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort, den Markt für Bau-Re-Use-Produkte aufzubauen. Die novellierte Recycling-Baustoffverordnung verpflichtet nämlich u.a. dazu, wiederverwendbare Produkte zur Verfügung zu stellen, falls sich InteressentInnen dafür finden.

Diese Verordnung verpflichtet ab gewissen Mengen auch zu einer Schad- und Störstofferkundung vor dem Rückbau, bei der auch das Re-Use-Potential erhoben wird. Ausgehend von den Daten in der Schad- und Störstofferkundung kann BauKarussell ein Rückbaukonzept entwickeln, zu dem mehr als nur ein Angebot für den operativen Rückbau selbst gehört, sondern auch die Beratungsleistung für einen gesetzeskonformen, umweltfreundlichen und sozial verträglichen Rückbau. Die Erfahrung hat Meissner gezeigt, dass gerade in einem volatilen und dynamischen Bereich wie der Baubranche die den Rückbau begleitende Beratungsleistung geschätzt wird, auch wenn BauKarussell nicht selbst mit dem operativen Teil des Rückbaus beauftragt wird.

© Markus Meissner, BauKarussell

Kommunikation & Kooperation sind Schlüssel für besseres Urban Mining

Wie viele LKW-Fahrten und wie viel Material könnte man sich sparen, wenn jemand zum Beispiel zu viel gekauftes Baumaterial auf einer abgeschlossenen Baustelle abholen und zur nächsten bringen würde? Baumaterial wird üblicherweise „mit Reserve gekauft“. Es ist also schon von vorneherein absehbar, dass nicht die gesamte Bestellung zum Einsatz kommen wird. Bevor im entscheidenden Moment ein Sack Zement fehlt, wird eben doch noch die Palette mehr gekauft, die dann als ganze teuer entsorgt wird. Das ist schade und unnötig, aber die größten Herausforderungen sind der Umbau der angewendeten Geschäftsmodelle und die Anpassung des gesetzlichen Rahmens. Mit etwas gutem Willen und der Bereitschaft, eine gemeinsame Gesprächsbasis aufzubauen, ließen sich Jahr für Jahr allein in Wien tonnenweise unnötige Abfälle vermeiden.

Mit dem Blick aufs Ganze wichtig, aber nicht an erster Stelle stehen Investitionen in die Forschung und Entwicklung von Bau-Re-Use. Aber die tief hängenden Früchte sind nach Meissner das Umdenken und Erneuern der eigenen Arbeitsweisen und der Baukultur. „Was kann jeder einzelne Stakeholder für sich und gemeinsam mit anderen tun? Wo kann jeder einzelne ansetzen, damit es mehr Bau-Re-Use und insgesamt weniger Abfall gibt?“, fragt Meissner in die Runde der ZuhörerInnen. Idealerweise wird beim Planen eines Neubaus nicht auf das Gebäude vergessen, das mit großer Wahrscheinlichkeit schon an Ort und Stelle steht und rückgebaut werden muss. „Gibt es vielleicht einen gut erhaltenen Parkettboden, den man herausnehmen und für den Neubau zur Seite legen kann? Was muss man dabei berücksichtigen, in der Lagerung und rechtlich?“, nennt Meissner ein Beispiel.

Neues Wirtschaften braucht neue Geschäftsmodelle

Die zahlreichen interessierten Detailfragen zu seinem Vortrag führen Meissner schließlich zu der Schlussfolgerung, dass der Bausektor neue Geschäftsmodelle braucht: „Wir werden in Zukunft anders wirtschaften.“ BauKarussell könne hier nur ein kleines Puzzleteil sein, das mit den vielen anderen kooperiert, um diesen neuartigen Markt zu bedienen.

Abschließend kündigt Meissner noch an, dass BauKarussell in absehbarer Zeit von einem Projektkonsortium in ein Unternehmen umgewandelt werden soll. Ein weiteres mittelfristiges Ziel ist ein eigenes Lehrangebot für den verwertungsorientierten Rückbau. Mit Europäischen Partnern wird im Projekt katch_e aktuell eine Vorlesung entworfen. Details folgen noch.

Weitere Infos …

www.BauKarussell.at

Urban Mining Blog

Folien zu Markus Meissners Vortrag „Kreislaufwirtschaft im Rückbau – Konzeption, Challenges und Chancen des BauKarussell-Ansatzes“

katch_e: Ausbildung zur Kreislaufwirtschaft im Bau- und Möbelbereich

BauKarussell im Jahresrückblick

Poster: BauKarussell – Beschäftigung und Kreislaufwirtschaft (Englisch)

RepaNews: 450 Tonnen Abfälle bereits im Pilotprojekt vermieden: BauKarussell schafft neue Arbeitsplätze am Bau mit Re-Use

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