Wiederverwendung als „goldener Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft“ – unter diesem Motto stand die Re-Use-Konferenz am 30. Jänner im Meerscheinschlössl in Graz. Hochkarätige SpeakerInnen, angeregte Diskussionen und künstlerische Interpretationen von Reparatur sorgten für einen durchwegs inspirierenden Tag.

Re-Use ist auf politischer Ebene aktuell durch das türkis-grüne Regierungsprogramm (mehr dazu) und den europäischen Green Deal (weiterlesen) hoch im Kurs. Vor diesem Hintergrund stieß die heurige von der ARGE Abfallvermeidung, RepaNet und SIS – Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung der Karl Franzens Universität Graz veranstaltete Konferenz auf starkes Interesse – an die 140 TeilnehmerInnen fanden sich Ende Jänner im Meerscheinschlössl ein, um sich über aktuelle Entwicklungen zu informieren und mit den SpeakerInnen über Re-Use und Reparatur zu diskutieren. Wir freuen uns, dass NAbg. Dr.in Astrid Rössler (GRÜNE), die in der neuen Regierungsperiode für das Thema Kreislaufwirtschaft zuständig ist, teilgenommen hat. Ebenso begrüßen durften wir die steirische LAbg. Sandra Krautwaschl, Mag.a Judith Schwentner, Stadträtin der Stadt Graz, und ao. Univ.-Prof. Dr. Martin Polaschek, Rektor der Uni Graz (Mitveranstalter). Durch das Programm führte RepaNet-GF Matthias Neitsch.

Die Notwendigkeit von Solidarität

V.l.o. nach re.u. Matthias Neitsch, Univ.-Prof. Dr. Ulrich Brand, Dr.in Margit Schratzenstaller-Altzinger, Mag.a Juliane Theresa Müllner.

In seiner Keynote stellte Univ.-Prof. Dr. Ulrich Brand, Stellv. Institutsleiter des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Wien, Re-Use in einen größeren Kontext. Er betonte die Notwendigkeit eines Umbaus von einer imperialen zu einer solidarischen Lebensweise sowie hin zu einem neuen Verständnis von Wohlstand.

Dr.in Margit Schratzenstaller-Altzinger (WIFO) fasste die WIFO-Studie über Instrumente zur Förderung von Reparaturdienstleistungen anschaulich zusammen. Interessanter Fakt: In Österreich wurde 2016 etwa € 300 Mio. für die Reparatur von Gebrauchsgütern ausgegeben – das macht allerdings nur 4,5% des gesamten Reparaturumsatzes aus. Wirkungsvolle fiskalische Instrumente könnten diese Quote allerdings steigern.

Mag.a Juliane Theresa Müllner, Mitarbeiterin der Abteilung V/2 – Abfall- und Altlastenrecht des BMNT, brachte Hintergründe und Erklärungen zum Ziel der „Einwegplastik-Richtlinie“ und erwähnte auch den vom BMNT und den Bundesländern Burgenland, Kärnten, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg und Wien beauftragte und von RepaNet gemeinsam mit pulswerk Gmbh und DIE UMWELTBERATUNG erstellten Leitfaden zur Feststellung des Abfallendes bei der Vorbereitung zur Wiederverwendung.

Aktuelles aus der Steiermark und Graz

Dr.in Ingrid Winter und Mag. Christopher Lindmayr

Mag.a Dr.in Ingrid Winter, Leiterin des Referats für Abfall- und Ressourcenwirtschaft,
Abteilung 14 des Amtes der Steiermärkischen Landesregierung, stellte den Landes-Abfallwirtschaftsplan Steiermark 2019 vor und erläuterte die Vision „Kreislaufwirtschaft Steiermark 2050“, deren Fokus Wiederverwendung und Abfallvermeidung sind.

Mag. Christopher Lindmayr, Leiter des Referats für Abfallwirtschaftscontrolling des Umweltamtes der Stadt Graz, stellte das Netzwerk GRAZ repariert (RepaNet-Mitglied) vor, das aktuell 36 Reparaturbetriebe und viel Repair Cafés unter einem Dach vereint. Eine Mitgliederbefragung unter den Betrieben zeigte, dass 76% mindestens einmal im Monat miteinander kooperieren, etwa durch Weiterempfehlung und Erfahrungsaustausch.

Auszeichnung für Dr. Gerhard Vogel

Nach der Mittagspause mit einem reichhaltigen biologisch produzierten Buffet, erläuterte em. o. Univ.-Prof. Dr. Gerhard Vogel, ehemaliger Institutsvorstand des Institutes für Technologie und nachhaltiges Produktmanagement der Wirtschaftsuniversität Wien, die Relevanz von Entropie in der Abfallwirtschaft. Er betonte, dass die Formstrukturerhaltung das wichtige und intelligente an Re-Use ist, was es anderen Systemen wie etwa Recycling überlegen macht. Warum Mehrweg- gegenüber Einwegsystemen hinsichtlich Ressourcenschonung die Gewinner sind, wurde durch einige mit Zahlen unterlegte Beispiele deutlich. Im Anschluss an seinen Vortrag wurde „Abfall(vermeidungs)papst“ Dr. Vogel für seine Pionierleistungen in der Abfallwirtschaft mit dem Dagmar Grage Preis 2020 für Abfallvermeidung und Kreislaufwirtschaft ausgezeichnet.

Einen Blick über die Landesgrenzen hinaus verschaffte Ernestas Oldyrevas von der RepaNet-Partnerorganisation ECOS (European Environmental Citizen’s Organisation for Standardisation) mit seinem Beitrag über die zivilgesellschaftliche Perspektive. Er stellte die „Right to Repair“-Koalition vor, der auch RepaNet angehört, und verdichtete die politischen Forderungen auf drei Punkte: „good design – fair access – informed customers“.

V.l.o. nach re.u.: Berthold Scheich und em. o. Univ.-Prof. Dr. Gerhard Vogel, Ernestas Oldyrevas, DIin Catherine Gillier-Krajc, MSc und Markus Meissner, Ing. Reinhard Hubmann

Bausektor und Industrie

Dass im österreichischen Bausektor Re-Use-Innovationen von internationalem Vorbildcharakter stattfinden, zeigten DIin Catherine Gillier-Krajc, MSc (Bundesimmobiliengesellschaft) und Markus Meissner (BauKarussell) anhand des gemeinsamen Projektes MedUni Campus Mariannengasse, an dem ein neues Forschungs- und Lehrzentrum der MedUni Wien entsteht (mehr zu ihrem Vortrag demnächst auf der BauKarussell-Website).

Ing. Reinhard Hubmann, Umweltbeauftragter des Supply Chain Managements und Leiter des Zentraleinkaufs für indirektes Material bei Siemens AG Österreich, umriss die Herausforderungen zwischen Kreislaufwirtschaft und Entsorgungsmanagement im industriellen Umfeld. Hier wurde der Riesenmaßstab in einem Konzern wie Siemens deutlich: Pro MitarbeiterIn und Jahr fallen 1,25 Tonnen Abfall an – und das bei 379.000 MitarbeiterInnen. Wiederverwendung in den Betriebsablauf zu integrieren ist das Anliegen von Ing. Hubmann – fehlende Produktsteckbriefe, zu wenige KäuferInnen und die aufwendige Logistik die Herausforderungen.

Die Präsentationen der Konferenz können auf der Website der ARGE Abfallvermeidung abgerufen werden.

Jacob Banigan und Lorenz Kabas (Theater im Bahnhof)

Nun könnte man meinen, der Tag wäre ziemlich trocken gewesen. Doch einerseits sorgten die diversen Perspektiven auf das Thema für Abwechslung und einen Blick über den eigenen Tellerrand. Und für richtiggehende Lachstürme sorgten zwischendurch Lorenz Kabas und Jacob Banigan (unterstützt von Eva-Maria Hofer) vom Theater im Bahnhof, die sich, im Erscheinungsbild dem von Greta Thunberg angenähert, dem Thema Reparatur und Wiederverwendung durch Improvisationstheater widmeten.

Wir danken den UnterstützerInnen der Konferenz: der Steiermärkischen Landesregierung – A 14, Referat für Abfall- und Ressourcenwirtschaft; der Stadt Graz – Umweltamt; dem BMNT – Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus; der Ökoservice GmbH; sowie den Österreichischen SHREDDERn – Partner für Recycling.

Zum Abschluss folgt noch ein Blick voraus: Der Termin für die 8. österreichische Re-Use-Konferenz steht bereits fest – markieren Sie sich den 28. Jänner 2021 im Kalender.

Mehr Infos …

Link zu den Präsentation der Re-Use-Konferenz 2020

Zur Bildergalerie auf der Website der ARGE Abfallvermeidung

Theater im Bahnhof Graz

RepaNews: Re-Use und Reparatur im neuen Regierungsprogramm

RepaNews: Der European Green Deal ist da

RepaNews: Österreichisch Re-Use-Konferenz 2019 – Nachlese

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