Social Design Reader #3: Circular Change: 42 richtungsweisende Gespräche

Erscheinungsjahr

2019

HerausgeberInnen

Clara Rosa Rindler-Schantl, Eva Maria Mair, Klaus Kodydek (Hg.). Mit Beiträgen von Brigitte Felderer, Renaud Haerlingen, Thomas Romm und den HerausgeberInnen.

Kurzbeschreibung

Ausgehend von der Beobachtung, dass in Österreich 71,8% des Abfalls aus der Bauwirtschaft stammen und dass Gebäude oft nach kurzen Lebenszyklen wieder abgebrochen werden, wurde von den HerausgeberInnen dieses Buches nach Antworten auf die Frage nach Alternativen zur konventionellen Bauwirtschaft gesucht. Diese sehen sie in der Kreislaufwirtschaft verankert, doch finden momentane dahingehende Bemühungen noch innerhalb einer linearen Wirtschaftsform statt, was in große Herausforderungen resultiert.

Die drei HerausgeberInnen dieses Buches haben sich während ihres Masterstudiengangs „Social Design – Arts as Urban Innovation“ an der Universität für angewandte Kunst Wien dem Thema einer kreislaufwirtschaftlich funktionierenden Baubranche gewidmet – beginnend mit einem Projekt des Architekturzentrums Wien rund um den ehemaligen Nordbahnhof.

Ausgehend von so entstandenen Kontakten mit Personen, die Prozesse im Bereich des Bauens neu zu denken, darunter die Projektpartner von BauKarussell, entstand der vorliegende Band „Circular Change“, der Gespräche mit 42 Personen zusammenträgt, die in ihrem beruflichen Alltag an unterschiedlichen Stellen eines potentiellen Kreislaufs sowie auch auf unterschiedlichen Entscheidungsebenen stehen. Darunter finden sich VorreiterInnen, EntscheidungsträgerInnen sowie auch VertreterInnen von Privatunternehmen; Ihr Wirken lässt sich den Bereichen Material-Wiederverkauf, Struktur und Diskurs, Projektentwicklung, Ausführung, Architektur und Wegbereitung zuordnen. Die Gespräche wurden im Mai und Juni 2018 geführt.

Der Band zeugt von dem Versuch, den aktuellen Zustand der österreichischen Kreislaufwirtschaft branchenübergreifend zu fassen sowie Erkenntnisse, Forderungen und Perspektiven festzuhalten, die AkteurInnen benötigen, um künftig Schritte in Richtung einer Kreislaufwirtschaft setzen zu können. Anstatt vorgefertigte Antworten zu liefern, wirft das Buch Fragen auf, die den Kreislaufwirtschafts-Diskurs vorantreiben können – hier eine kleine Auswahl:

  • Wie sensibilisiert man Architekt*innen dafür, mit vorhandenem Material zu arbeiten?
  • Wie können wir die komplexe Logistik sowie die hohen Kosten der Lagerung von Re-Use-Bauteilen lösen?
  • Können wir, als ersten Schritt, Wege finden, Personen den emotionalen Wert von wiederverwendetem Material zu vermitteln?
  • Wie kann die Gewährleistung bzw. die Haftung für Re-Use-Materialien im Einzelfall überprüft werden?
  • Wie können wir, anstatt Rohstoffe schneller im Kreis zu führen, Kreisläufe verlangsamen?
  • Warum reden wir in unserem Umweltdiskurs in Städten über die „Stadt der kurzen Wege“ aber nicht über die „closed-loop city“?
  • Wie vermittelt man dem Mainstream-Baugeschäft, dass eine Wand, die eingebaut wird, auch wieder zerlegbar sein muss?

BauKarussell war mit den HerausgeberInnen immer wieder in intensivem Kontakt und ist in diesem Band gleich mit mehreren Interviews vertreten.

Markus Meissner (pulswerk, Projektkoordinator von BauKarussell) betont die Notwendigkeit von Transdisziplinarität, um Kommunikationsbarrieren zwischen einzelnen Bereichen abzubauen. Mit besseren Disseminationsstrategien, einer Aufwertung des Rückbaus und einem größeren Commitment aller AkteurInnen könne Kreislaufwirtschaft weiter vorangetrieben werden.

Matthias Neitsch (RepaNet) thematisiert die Überbewertung von Recycling im Vergleich zu Re-Use und die Notwendigkeit, stattdessen funktionierende kreiswirtschaftliche und gemeinwohlbasierte Lösungen des Abfall- und Ressourcenproblems zu finden.

Architekt Thomas Romm betont die dringende Notwendigkeit, unseren Umgang mit Ressourcen grundlegend zu überdenken und in Richtung einer radikalen Ressourceneffizienz zu gehen. Der Recycling-Diskurs müsse von einem Resilienz-Diskurs abgelöst werden. Neben der Kurzfassung des Interviews ist er mit einem Epilog im Buch vertreten, in welchem er vor allem die Verwertbarkeit von Aushubmaterialien durch Onsite-Rohstoffgewinnung als zentrale Maßnahme für effizente Ressourcenverwendung thematisiert.

Sebastian Hafner, Assistent bei Thomas Romm ZT thematisiert vor allem die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den einzelnen AkteurInnen und die fehlende Bereitschaft, gewohnte Prozesse zu verändern.

Elisabeth Smith (Abfallrechtliche Geschäftsführung des Demontage- und Recyclingzentrum DRZ) betont die Notwendigkeit, künftig bei Planungsprozessen das Ende des Lebenszyklus von Bauobjekten zu antizipieren.

Willi Gardowsky (Demontage- und Recyclingzentrum DRZ) hofft, dass dem Rückbau von abzubrechenden Gebäuden langfristig vermehrte Aufmerksamkeit und Regulierung zukommt.

Interviewt wurde neben vielen weiteren AkteurInnen auch Christine Hochholdinger, Leiterin der Abteilung 5 Sektion V, Abfallvermeidung, -verwertung und -beurteilung im Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, die in ihrer Position innovative Lösungen für die Baubranche so gut wie möglich zu unterstützen versucht.

Das grundlegende Thema aller Gespräche ist der Mut, aus persönlicher Überzeugung innovative Entscheidungen zu treffen. Das Buch endet mit einem Fazit, das die Essenz der Gespräche überblicksmäßig darstellt:

  1. Obwohl sowohl öffentliche Hand als auch private AkteurInnen einig sind, dass es eine Veränderung braucht, wird diese gehemmt, da die Verantwortung für erste Schritte häufig auf der Gegenseite verortet wird.
  2. Rechtlich verbindliche Instrumente und Regulative sowie Gesetzesreformen sind nötig, ebenso wichtig ist aber auch ihre konsequente Umsetzung. Funktionale Ausschreibungen, die eine mögliche Wiederverwendung lokaler Ressourcen beinhalten, können Re-Use forcieren. Fragen der Haftung und Gewährleistung müssen geklärt werden.
  3. Bildung der involvierten AkteurInnen ist ein zentraler Hebel zur Etablierung von Kreislaufwirtschaft.
  4. Eine neue Planungskultur, in der Lebenszyklen überdacht werden, und in der Rückbau wie Neubau und Neubau wie Rückbau betrachtet wird, ist unerlässlich.
  5. Vernetzung ist ein zentral, etwa zwischen WiederverkäuferInnen und EigentümerInnen oder Architekten.
  6. Pilotprojekte sind gut geeignet, um die Möglichkeiten einer Wiederverwendung von Materialien im Neubau ins Rampenlicht zu rücken. Dennoch braucht es eine argumentative Basis, um Re-Use-Vorhaben zu realisieren.

Keywords/Tags:
BauKarussell, Bau-Re-Use, verwertungsorientierter Rückbau, Baubranche, Kreislaufwirtschaft, Universität für angewandte Kunst

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