Wolfgang Schmidbauer beleuchtet in seinem im März neu erschienenen Buch „Die Kunst der Reparatur“ auf erfrischende Weise die Vorzüge von Reparatur und ermutigt die LeserInnen, kaputten Gegenständen mit einer kreativen Neugier zu begegnen und selbst Hand anzulegen. Denn die Pflege der Gegenstände, die uns umgeben, wirkt sich letztlich positiv auf uns selbst aus.

Der Psychologe und Autor Wolfgang Schmidbauer hat bereits in den 70er Jahren die Konsumgesellschaft aus ökologisch-psychologischer Sicht kritisiert (in Homo consumens. Der Kult des Überflusses (1972)). Sein neu erschienenes Buch Die Kunst der Reparatur (oekom Verlag; zum Eintrag in der RepaThek) ist ein lebendiges Plädoyer für die Wertschätzung von Dingen und die Pflege der Beziehung mit ihnen durch Wartung und Reparatur – und die positiven Auswirkungen dieser Praxis auf die eigene Psyche.

Während heute der rasche Austausch von kaputten Dingen durch Neuware – spätestens wenn sie kaputt sind, oft jedoch bereits davor – zur üblichen Praxis geworden ist, verkümmert durch diese Vermeidung von Störmomenten unsere Problemlösungskompetenz. Während sowohl in der Geschichte wie auch in bestimmten Traditionen – wie Japan mit der Kintsugi-Technik – Reparatur eine Selbstverständlichkeit war/ist und den Gegenstand oftmals sogar noch aufwertet, sucht die Konsumgesellschaft ihr Glück in schnell austauschbarer Massenware und verschuldet somit unseren rasant ansteigenden Ressourcenverbrauch.

„Wir haben unterbeschäftigte und untergeschickte Hände im Überfluss, nur die Rohstoffe sind begrenzt, und Recycling ist meistens eine halbe Wahrheit, wenn nicht eine ganze Lüge.“ (S.99)

Mut zum Pfusch

Vor diesem Hintergrund wird die oft stiefmüttlerlich behandelte Reparatur zu einer unbedingten Notwendigkeit. Schmidbauers Essay ist eine Mischung aus persönlichem Erfahrungsbericht und Ermutigung, kaputte Dinge selbst zu reparieren und dabei durch kreative Ansätze und Ideen statt perfektionistisch realistisch vorzugehen. Der meist negativ besetzte Begriff „Pfusch“ wird von ihm positiv gemünzt:

„Aber ich sehe in der Lizenz zum Pfuschen eine kostbare psychische Qualität. Je mehr wir sie durch Perfektionismus schwächen, desto kälter wird die Welt.“ (S.112)

Das Buch ist gewürzt mit zahlreichen Beispielen aus Schmidbauers persönlicher Lebensgeschichte – viele davon aus der Zeit einer Hausrenovierung in Italien – und bringt den LeserInnen die Freude an der schöpferischen Fehlerbehebung, am Tüfteln und Ausprobieren, was funktionieren könnte, am Learning by Doing nahe. Die Sicht der Würde von reparierten Gegenständen, die schon lange in Gebrauch sind und immer wieder ausgebessert werden, birgt Schönheit in sich und verhilft uns zu einem Näheverhältnis mit den Dingen, die uns umgeben. Dies wirkt sich letztlich positiv auf uns selbst und auf die Beziehung zu unseren Mitmenschen aus.

Glück neu definiert

Eine grundlegende Änderung unseres Konsumverhaltens erachtet Schmidbauer nur dann als möglich, wenn wir unser Verständnis von Glück hinterfragen. Denn dass die Suche nach Befriedigung heute meist an die Verschwendung von Rohstoffen geknüpft ist, ist eine letztlich zerstörerische Illusion. Die negative Darstellung von Verzicht ist irreführend, es gilt hier umzudenken:

„Dabei geht es darum, die Breitenverschwendung, die nicht lustvoll erlebt wird, in Spitzenbefriedigung zu verwandeln, weil das Gute wirklich gut ist und nicht nur eine Imitation des Guten aus billigen Ersatzstoffen.“ (S.175)

Wir verstehen Schmidbauers Aussage als Plädoyer für gute, langlebige und reparierbare Produkte, gekoppelt mit dem Aufbau einer bewussten, achtsamen Beziehung zu diesen. Viele Menschen machen zurzeit die Erfahrung, dass das Glück vielleicht eher in einer guten Beziehung zu unseren NachbarInnen liegt als in einem neuen Auto. Und ebenso kommen die Vorzüge von persönlichen Reparatur- und Problemlösungsfähigkeiten in Krisenzeiten, in denen nicht jedes Produkt und jede Dienstleistung sofort verfügbar ist, besonders zur Geltung.

Mit minimalem Ressoruceneinsatz ist ein möglichst hohes Level an Glück und Wohlstand für alle erreichbar. Dafür braucht es allerdings auch die passenden politischen Rahmenbedingungen – und dass diese geschaffen werden, ist eine dringende Priorität für die Politik. Wiederaufbau der Wirtschaft nach der Coronakrise muss die Förderung einer nachhaltigen, sozialen und krisensicheren Kreislaufwirtschaft in den Fokus nehmen – dafür setzt sich RepaNet ein.

Mehr Infos …

Zur ausführlichen Rezension in der RepaThek

Website des oekom Verlags: Wolfgang Schmidbauer: Die Kunst der Reparatur

Mehr über die japanische Kintsugi-Technik

RepaNews: Syposium: Konsum neu gedacht – mit Reparatur!

RepaNews: Mehr Resilienz durch ein Recht auf Reparatur

RepaThek: Buch: Silke Langenberg: Reparatur – Anstiftung zum Denken und Machen

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